Die Währung des Erfolgs

Nach knapp 2 Jahren Selbstständigkeit und einigen Fehlinvestments zeigt mein Kontostand heute 30- 40% weniger an als am Ende meiner „Karriere“ in der Beratung.

Mission fehlgeschlagen oder doch ein voller Erfolg?

 

Erfolg in Deutschland. In einer Leistungsgesellschaft. Für mich war Erfolg paradoxerweise immer primär finanzieller Erfolg. Ich könnte zwar immer noch auf dem kaputten Bett aus dem Studium und den Jobanfängen schlafen und doch war mir unbewusst finanzieller Erfolg wohl wichtig. Ich hatte glückliche Startbedingungen: Eine finanziell abgesicherte Familie, regelmäßige Urlaube, ein bezahltes Studium und daher wenig Geldsorgen von Kindheit bis zum 1. Job. Finanziell abgesichert zu sein war meinen Eltern denke ich wichtig und so anscheinend auch mir. Daher auch die „Karriere“ in Beratung Nummer 1 und 2 die in Summe knapp 10 Jahre dauerte. Unterbrochen nur von einer einjährigen Weltreise, dank Spesen, Sparen und WG mit besagtem kaputtem Bett, alias geringem Wunsch nach Materiellen.

 

Die Weltreise halte ich noch heute für die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens. Aber Erfolg ist das nicht. Eher ein kleiner Ausbrecher aus dem System, bevor es zurück in die Beratung ging. Die „Karriere“ musste ja weitergehen und das Geld auch wieder reingeholt werden. Der Manager-Titel, das eigene Team und ein knapp sechsstelliges Gehalt folgten.
Endlich erfolgreich! Nicht nur finanziell, sondern auch was Ansehen angeht. Letzteres war mir komischerweise aber auch nie wichtig. Die menschlichen Beziehungen waren mir weitaus wichtiger.
Ich war 30 und mir wurde auf einmal bewusst, dass ich mir das Gehalt wohl als Ziel gesetzt hatte. Ziel erreicht - was nun? Gute Frage.

 

2 Jahre später machte ich mich selbstständig. Gute Fragen brauchen anscheinend. Ich wollte freier sein. Wie auf der Weltreise. Mein eigenes Ding machen. Mehr Coaching und Training als Beratung. Ich startete mit Elan von Webseite über Sales Coach bis Kaltakquise von über 10.000 Personen. Finanzieller Erfolg: Fehlanzeige. Ernüchterung – gelinde gesagt. Corona verhinderte zusätzlich soziale Kontakte. Ich schlidderte sehenden Auges in eine schwerere Depression. 2021 lag ich lethargisch daher mehr im Bett, als ich sonst einer Aktivität nachging, geschweige denn Erfolg generierte.

 

Stopp. Ich hatte auch einiges gelernt auf dem Weg und als ich merkte der Weg funktionierte nicht. Ich hatte mich in die Kryptobranche und Tradingstrategien eingearbeitet, investiert und auf dem Papier sogar zwischenzeitlich meine Investments verdoppelt. Erfolgreich genug war das finanziell in Krypto-Maßstäben allerdings nicht. Also wurde ich, seit ich denken kann, das erste Mal gierig. Es endete, wie es enden musste. 20% meines heute niedrigeren Kontostandes gehen aufs Krypto-Konto. Der schnelle (Aus-)Weg hatte auch nicht funktioniert. Wieder Fehlanzeige und der Depression half das natürlich auch nicht wirklich.
Der erneute Schritt in eine Therapie war im Herbst 2021 bitter nötig. So weit so unerfolgreich.

 

Zeitsprung. Seit einigen Monaten ist mein Stundenlohn in einem Beratungsprojekt höher als der meines letzten Gehaltes als Angestellter. Ein neues Projekt startet gerade, wodurch mein Monatsgehalt für ein halbes Jahr auch 40% höher sein wird. Endlich wieder finanziell erfolgreich!

 

Die Frage, die ich mir nun glücklicherweise stellen kann, ist allerdings:
Bin ich jetzt erfolgreich oder messe ich mein neues Leben immer noch nach alten, primär finanziellen Maßstäben? Ich wollte doch freier sein. Ich wollte mein Ding machen. Also auch Kreativprojekte wie einen Podcast, einmal T-Shirts designen, einen Programmierkurs in Python, das Betreiben von Knotennetzpunkten in Krypto-Projekten, Beta-Testing von neuen Crypto-Spielen und und und.

 

Stopp. Alle genannten Kreativprojekte habe ich gemacht bzw. mache ich. Ich habe mir dafür Zeit genommen. Ist das eventuell auch schon ein Erfolg? Weitergedacht: Ist die Abteilungsleiterin nicht „erfolgreiche Mutter“, die im halbtags-Job mit Kitaproblemen das „Mutter-Sein“ priorisiert? Ist nicht der Bekannte „erfolgreicher Lebenskünstler“, der es am Rande des finanziellen Existenzminiums immer wieder schafft im Jahr irgendwie zu verreisen? Ist nicht dieser eine Freund oder diese Freundin, die immer ein offenes Ohr für einen hat und eigene Themen zurückstellt eine „erfolgreiche Freundin“? Sind nicht alle Menschen, die physische und mentale Gesundheit über finanziellen Erfolg stellen „erfolgreich im Leben“?

 

 

Könnte eine andere Währung für Erfolg nicht einfach Zeit sein? Zeit, die man in die Dinge investiert die anderen Menschen oder einem Selbst Mehrwert schenken. Werte die nicht finanziell messbar sind.

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Kommentare: 1
  • #1

    Beate West-Leuer (Mittwoch, 03 August 2022 23:47)

    Lieber Herr Budnik, ich verstehe zwar nicht, was Sie gerade machen. Um was für ein Projekt handelt es sich denn? Aber der Text wirkt so, als wollten Sie depressive Einbrüche hinter sich lassen, und einen ganz eigenen Weg gehen. Vielleicht kitschig, aber mir fällt der Song ein: ´´I did it my way! Ihre BWL